Vom Foto zur Kunst
Warum meine Fotografie nun Worte trägt

Der Moment, an dem das Bild nicht mehr reichte
Was ich seit etwa einem Jahr mit meinen Fotografien tue, ist keine stilistische Entwicklung im klassischen Sinne. Es ist kein Konzept, das am Schreibtisch entstanden ist. Es ist eine innere Notwendigkeit.
Irgendwann habe ich gemerkt, dass das Bild allein nicht mehr ausreicht. Nicht, weil es schwächer geworden wäre - sondern weil das, was ich ausdrücken wollte, tiefer geworden ist.
Komplexer.
Dunkler.
Zerbrechlicher.
Ein Foto kann still sein. Es kann schön sein. Es kann technisch perfekt sein. Aber es kann auch schweigen, während in mir alles schreit.
An diesem Punkt begannen die Worte. Zuerst leise. Zögernd. Fast schamhaft neben dem Bild platziert. Und doch wusste ich sehr schnell: Sie gehören dort hin.

Bild und Text - wie zwei Liebende
Ich verbinde meine Fotografien heute bewusst mit Gedichten, kurzen Textpassagen und eigenen Zitaten, weil ich eine Verbindung schaffen möchte, in der sich beide Ebenen gegenseitig tragen. Bild und Wort wirken für mich wie ein Liebespaar.
Keines dominiert das andere.
Keines erklärt das andere vollständig.
Sie stützen sich.
Sie heben sich empor.
Und gemeinsam erreichen sie eine Tiefe, die sie allein nicht erreichen könnten.
Das Bild öffnet einen Raum. Der Text gibt ihm Atem.
Manchmal ist es das Bild, das führt, und der Text folgt ihm vorsichtig. Manchmal ist es der Text, der den ersten Schritt macht - und das Bild antwortet mit Stille.
Diese Spannung interessiert mich. Dieses Dazwischen.

Der Ursprung: Ben
Der Ursprung dieser Bild-Text-Verbindung liegt in einem Einschnitt, der mein Leben unwiderruflich verändert hat. Der Tod meines Partners Ben hat mein Leben in zwei Teile geteilt: in ein Davor - und ein Danach. Mit ihm ist nicht nur ein Mensch gegangen.
Es ist eine Zukunft gegangen.
Ein gemeinsamer Atem.
Ein Selbstverständnis.
Fotografie war schon immer mein Ausdrucksmittel, mein Rückzugsort. Doch nach seinem Tod gab es Dinge, die sich nicht mehr allein in Licht, Linien und Langzeitbelichtungen fassen ließen.
Da waren Erinnerungen.
Da war Sehnsucht.
Da war eine Leere, die laut war.
Und da waren sehr schwarze Gedanken, über die man nicht leicht spricht.
Die Texte, die neben meinen Bildern entstanden sind, waren kein erklärender Kommentar. Sie waren ein Ruf. Ein Ruf an Ben. Eine Ehrung. Ein Versuch, ihn nicht nur in mir, sondern auch sichtbar bei mir zu behalten.

Schreiben als Verarbeitung - ohne Versprechen auf Heilung
Diese Texte sind Erinnerung - an unsere gemeinsame Zeit, an Orte, an Blicke, an Stille, die nur wir verstanden haben.
Aber sie sind auch Verarbeitung.
Nicht als gerader Weg.
Nicht als Heilungsversprechen.
Eher als ein stetiges Auf und Ab. Ein Leben zwischen Zusammenbruch und vorsichtigem Weitergehen.
Manche Texte entstehen aus Licht. Andere aus Dunkelheit. Und manche aus genau dem Moment dazwischen - wenn man nicht weiß, ob man gerade untergeht oder wieder auftaucht.
Schreiben bedeutet für mich nicht, Antworten zu finden. Sondern Fragen aushalten zu lernen.

Weg von der Technik - hin zur Fotokunst
Parallel zu dieser inneren Entwicklung hat sich auch mein Blick auf die Fotografie verändert. Ich spüre zunehmend den Wunsch, mich von der reinen Technik zu lösen.
Weg von Zahlen, Einstellungen, Perfektion.
Weg von Fotos, die zuerst erklären wie sie entstanden sind.
Hin zu Bildern, die fühlen lassen warum sie existieren.
Ich möchte nicht mehr, dass ein Foto primär über seine technische Leistung gelesen wird. Ich wünsche mir, dass es zuerst berührt.
Dass es innehalten lässt.
Dass es eine Geschichte trägt, ohne sie vollständig preiszugeben.
Meine Arbeit bewegt sich damit immer stärker weg von der klassischen Fotografie - hin zur Fotokunst.
Immer poetischer.
Immer emotionaler.
Immer weniger erklärend.
Und immer ehrlicher.
Ein einzelnes Bild soll nicht mehr nur ein Moment sein, sondern ein Zustand.
Ein Fragment einer inneren Landschaft.
Ein stiller Träger von Verlust, Liebe, Erinnerung und Weiteratmen.
Die Texte helfen mir, diese Brücke zu schlagen.
Sie öffnen den Raum hinter dem Bild, ohne ihn festzulegen.
Sie laden ein, tiefer zu gehen - nicht analytisch, sondern fühlend.

Entre Deux Souffles - zwischen zwei Atemzügen
Mein anstehendes Buch "Entre Deux Souffles - Zwischen zwei Atemzügen" - ist die konsequente Fortsetzung dieses Weges.
Es ist kein klassischer Fotoband.
Es ist kein Gedichtband.
Es ist ein Zwiegespräch.

Zwischen Bild und Wort.
Zwischen mir und ihm.
Zwischen dem, was war, und dem, was bleibt.

Viele der Texte in diesem Buch sind ausschließlich Ben gewidmet.
Unserer gemeinsamen Zeit.
Unserem gemeinsamen Atem.
All dem, was unausgesprochen geblieben ist. Und all dem, was ich ihm noch sagen möchte.
Dieses Buch ist kein Abschluss.
Es ist ein Innehalten.
Ein Atemzug.
Vielleicht auch ein leises Weiterleben.

Warum ich das alles zeige
Wenn meine Bilder heute von Poesie begleitet werden, dann nicht, um sie schöner zu machen. Sondern ehrlicher.
Ich zeige diese Verbindung, weil sie mir erlaubt, ganz da zu sein.
Mit meiner Geschichte.
Mit meinem Verlust.
Mit meiner Liebe.
Und vielleicht entsteht genau dort - zwischen Bild und Wort, zwischen zwei Atemzügen - eine Resonanz.
Nicht als Antwort. Sondern als Gefühl.