Sushi zum Frühstück - 2019


Es ist wieder soweit. Japan, das Land der Harmonie und des Perfektionismus auf höchster Stufe wird erneut von mir und meinem Kollegen Michael Reibert bereist. 2016 haben wir während des ersten gemeinsamen Besuchs in Japan die Liebe für dieses wundervolle Land entdeckt! Schon nach ein paar Tagen haben wir gewusst, dass auf den ersten Besuch ein Nächster folgen soll. Zur berühmten Kirschblüte, die regulär zwischen Mitte März bis Anfang April stattfindet. Drei Jahre später ist es soweit. Es ist Montag morgen und ich sitze im Zug nach Frankfurt am Main, von wo aus uns Air China über Peking nach Osaka bringen soll. Die Bahn kommt pünktlich auf die Minute am Flughafen an. Der Flieger startet ohne Verspätungen oder sonstige Probleme und nach einer Zugfahrt von vier Stunden, einer Flugzeit von knapp 10 Stunden und einigen typischen Flugzeugmahlzeitpappereien kommen wir wohlbehalten in Peking an. Es ist Dienstag, Ortszeit 06:30 Uhr morgens, was bei uns eine Zeit von 00:30 Uhr entspricht. Ich bin fix und alle. Eine Erkältung und der fehlende Schlaf lassen mich taumelnd durch die Sicherheitskontrollen in Peking stöckeln. Alles, aber auch alles wird während der Kontrolle auseinander genommen und die peniblen Kontrolleure stellen meine gespannten Geduldsfäden auf die Probe. Ich übe mich in chinesischem Gehorsam und folge dem militärischem Befehlston. Ich komme durch. Puh. Nach gut zwei Stunden Wartezeit startet das Flugzeug zu einem vierstündigen Flug nach Osaka. Ich bin mittlerweile seit gut 21 Stunden auf den Beinen. Es ist 13:00 Uhr. In Deutschland geht bald die Sonne auf. Das Einreiseprozedere ist recht zeitaufwendig. Fingerabdrücke hinterlassen. Reisepasskontrolle. Fotoshooting. Kurze Zeit später wiederholt sich der Ablauf nochmals. Angekommen an der Zollkontrolle fischt uns ein Zollbeamter aus der Schlange. Mit japanischer Freundlichkeit fragt er uns warum wir nach Japan möchten, wie oft wir bereits hier waren, und und und. Wir werden gebeten die Koffer zu öffnen und währenddessen entschuldigt sich der japanische Beamte bereits verbeugend für die Umstände. Er fragt uns mehrfach ob wir ihm gestatten einen Bomben- und Drogentest durchzuführen. Natürlich reflexartig verbeugend. In einem Hinterzimmer werden wir regelrecht gefilzt und auseinandergenommen. In jede noch so kleine Ritze werfen die Beamten ihren Blick doch sie finden nichts. Nach 20 Minuten ist der Spuk vorbei und wir dürfen einreisen. Über diese unangenehme Situation kann ich ohne Probleme aufgrund der japanischen Höflichkeit hinwegsehen. Wir sind drin, holen unser Mietauto und ab geht die Post zum ersten Hotel, das wir nach einer Fahrzeit von vier weiteren Stunden erreichen. Kurayoshi, eine Stadt an der Südwestküste Japans soll uns am nächsten Morgen unseren ersten Spot bieten. Torii auf Fels! Ich kann es trotz verflixter Müdigkeit kaum erwarten. Ab in‘s Bett und auf den ersten entspannten Morgen freuen. Kaum habe ich die Augen geschlossen liege ich in Morpheus Armen,

18. - 19. März 2019


20. März 2019
 | Kurayoshi - Tottori - Sengan Matsushima - Uradome

Johannes Strate reißt mich mit seiner Musik aus dem Schlaf. Dieser verdammte Wecker. Es ist 04:45 Uhr und Johannes soll gefälligst leise sein! Ich überlege liegen zu bleiben aber es nützt nichts. Der Tag verspricht viel Sonne. Eigentlich nicht schlecht aber der Morgen und der Abend werden in diesen Vorhersagen die einzigen Tageszeiten bleiben, zu denen wir aufgrund des weichen Lichtes vernünftige Fotos schießen können. Augen auf, Streichhölzer rein und ab geht die Post. Dreißig Minuten später stehen wir im Halbdunkel und bei 6 Grad (gefühlt sind es -15 Grad) vor dem Torii nahe Kurayoshi. Ein Torii kennzeichnet in der Regel ein symbolisches oder reales Eingangstor eines Schreins und kann sich überall befinden. An einem Strand, in einem Wald oder wie dieses hier, auf einem Fels im Wasser. Zumeist bestehen diese Torii aus Holz, das fast immer in Zinnoberrot (auch Shuiro genannt) bestrichen wird. Viele Torii unterscheiden in ihrem Aussehen, ihrer Bauart und ihrer Größe aber der reguläre Aufbau dieser fotogenen Motive ist fast immer gleich. Manche erscheinen extrem aufwendig und prunkvoll. Andere zeichnen sich durch ihre Schlichtheit aus. So wie unser Torii in Kurayoshi, das ausschaut als wäre es aus ein paar Holzbalken gezimmert worden. Kein Schnickschnack. Und trotzdem elegant und wunderschön durch diesen einfachen und maroden Charme. Die Sonne geht langsam rechts hinter uns auf. Das Farbenspiel im Rücken ist einfach unfassbar schön. Sobald das erste Licht auf die Felsen fällt heißt es aufpassen und abdrücken. Die nächsten zwei bis drei Aufnahmen müssen sitzen. Je höher die Sonne steigt, desto härter wird das Licht. Für mich immer wieder ein großer Nachteil an eigentlich schönen, sonnigen Tagen. Die Schüsse sitzen und unser Hotelfrühstück wartet. Die Auswahl ist großartig. Mit einem Bärenhunger stürzen wir uns auf Rührei, allerhand uns unbekannten Gemüsesorten, Salate, frischen Fisch, Reis, Miso-Suppe mit Nori und allerhand andere Köstlichkeiten. Mir fällt immer wieder auf, dass es in Japan, abgesehen von den schwergewichtigen Sumos, keine dicken Menschen zu geben scheint. Die Ernährung ist hierfür definitiv ausschlaggebend. Japanische Mahlzeiten sind in der Regel sehr gesund und gut bekömmlich.
Frisch gestärkt machen wir uns auf die Suche nach weiteren Spots für den Tag.
Zwei weitere Torii auf Felsen im Meer sowie Sengan Matsushima, ein Fels, auf dem ein einzelner kleiner Baum wächst, stehen auf der Spotliste. Die Gegend rund um Kurayoshi ist wahnsinnig ergiebig was Fotospots angeht und die Fahrt von einem geplanten Spot zum Anderen beträgt meist nicht mehr als 30 Minuten. Dazwischen finden sich zahlreiche markante Felsformationen im Wasser, die tolle Fotomotive abgeben. Der Wettergott scheint uns wohlgesonnen, da sich leichte Wolken vor die Sonne schieben und ein zauberhaftes diffuses Licht erzeugen. Entgegen der Befürchtungen, die Kameras erst wieder zum Sonnenuntergang aus der Tasche holen zu können, lassen wir die Sensoren glühen. Die Torii am Strand von Uradome und Koijima genauso wie Sengan Matsushima können wir somit ohne Zeitdruck ablichten. Gleichzeitig sparen wir uns eine Übernachtung in Kurayoshi, sodass wir direkt weiter zu den nächsten Fotospots im Südwesten fahren können. Unser Ziel heißt Izumo. Gegen 22:00 Uhr beziehen wir dort unser Hotel und schalten ab. Bis morgen Japan. Ich freue mich auf einen weiteren Tag mit Dir!

21. März 2019
 | Izumo - Inasanohama Beach - Mine

Wir verlassen das Hotel nach einem Frühstück. Japan-Style. Wir hatten die Wahl zwischen Western-Style und der einheimischen Alternative. Nach Japan fliegen und ein „europäisches“ Frühstück vorziehen? Never! Wenn schon, denn schon. Also stürzen wir uns auf halbrohe und fermentierte Eier, Reis, Misosuppe, Tofu und Fisch. Lecker und gesund!
Wir sind auf dem Weg zum Strand Inasanohama auf dem sich ein riesiger Felsbrocken befindet. Auf diesem Brocken befindet sich ein kleines Torii mit Schrein. Wetter: Passt. Allein am Strand: Keine Chance. Direkt vor dem Fels trainieren zwei Volleyballmannschaften. Zwischen weggeworfenen Plastikflaschen und sonstigem Abfall. Wir finden trotzdem ein Plätzchen vor dem Fels und schießen unser Foto während immer wieder gläubige Shintoisten das Torii besuchen um ein Gebet abzuhalten. Beeindruckend. Selbst an einem eher unsauberen Strand zwischen Lärm und Plastikflaschen suchen und finden die Japaner Ihr Heil im Glauben. Der heutige Tag ist den Felsen im Wasser gewidmet. Auf dem Weg zur Küstenstadt Mine im Südwesten Japans finden wir noch einige faszinierende „Steine im Wasser“. Teils gigantische Felsbrocken im und am Wasser bei wunderbar diffusem Licht. Das Hotel in Mine wird bezogen und wir bereiten uns auf den nächsten Tag vor. Nachti nacht.

22. März 2019
 | Ōmijima Island - Fukuoka

Neuer Tag, neues Glück. Wir fotografieren wieder ein paar Steine im Wasser. Die „Alps of the sea“ auf Ōmijima Island sind ein beliebtes Ausflugsziel der japanischen Bevölkerung, die zumeist einen Tagesausflug dorthin unternimmt, aber auch die Möglichkeit des Zeltens in Anspruch nehmen können. Wer auf den Parkplatz dieser Sehenswürdigkeit möchte muss aber noch an „Yoshi“ dem Trompete spielenden Parkplatzwächter vorbei. Standardmäßig zeigt „Yoshi“ jedem Besucher vorerst auf ein paar zerknitterten, ausgefransten Fotos was ihn oder sie am Strand der „Alps of the sea“ erwartet. Steine im Wasser halt. Da wir jedoch die ersten Besucher sind und offensichtlich noch sehr erholt und fröhlich aussehen winkt uns Yoshi in sein kleines Wächterhäuschen. Von außen etwas schrabbelig. Von innen noch schrabbeliger und chaotisch. Mittendrin im Wust von etlichen Landkarten, Kisten, technischen Geräten und einem laufenden Fernseher befindet sich sogar noch eine angeleinte, alte Katze die in ihren Kartonkörbchen sitzt und uns keinerlei Beachtung schenkt. Anfassen und streicheln? Das mag die alte Dame gar nicht, also Finger weg. „Yoshi“ beginnt uns begeistert 20 Jahre alte Aufnahmen von ihm zu zeigen, wie er Kunststückchen auf einem klapprigen Fahrrad vorführt. Selber Parkplatz, selbes Wächterhäuschen. Nur „Yoshis“ Haare sind noch schwarz. Wir verstehen zwar kein Wort von dem was er uns ununterbrochen mitteilen möchte aber irgendwann beginnt er uns vor das Haus zu schieben und zeigt uns die Kunststückchen auf seinem Rad. Das Rad, auf dem er auch schon in den Videoaufnahmen herumturnte. Er lacht, springt und spricht ununterbrochen und wir kommen aus dem Schmunzeln nicht mehr heraus. „Yoshi“ ist ‚ne coole Socke. Als er sein Radprogramm durchgespielt hat wirft er sein Fahrrad beiseite und rennt wie angestochen in sein Häuschen zurück. Und womit kommt er raus um uns weiter zu bespaßen? Mit gekonntem Griff ins Genick setzt er die alte Katze auf ein kleines Podest und sobald er beginnt Trompete zu spielen beginnt die Katze im Takt der Musik mit dem Schwanz zu wackeln. Man halte fest: Zu wenig Schlaf, kein Frühstück und dann kommt „Yoshi“ mit seiner Katze. Ich brauche etwas Zeit um die Eindrücke zu verarbeiten und Yoshi verabschiedet sich so schnell wie er aufgetaucht ist. Lied zu Ende gespielt. Zurück in‘s Häuschen. Klappe zu. Affe tot. Nun stehen wir da wie Max in der Sonne. Die letzten 10 Minuten wirken mit Sicherheit noch einige Tage nach. Angekommen an der schroffen Küste kurz hinter dem Parkplatz suchen wir uns einen Zugang zum Strand um die teils ungewöhnlich und wunderschön geformten Felsen im Wasser besser fotografieren zu können. Der schwarze Sandstrand erinnert mich stark an Island. Nur dass die Felsformationen hier teils noch unwirklicher und noch filigraner geformt sind. Versteinerte Samurai quasi. So schön die Strände der Sea Alps auch sind so sehr bewegt mich auch hier ein Thema. Müll. Um die Strände zu betreten müssen wir teils über Berge von Abfall steigen. Plastikflaschen, Netze, Seite, Kanister, Küchengeräte, Akkus, Styropor, und und und. Es ist erschreckend und beschämend wie wenig sich die Menschen hier um ihre Strände kümmern und was alles ins Meer geworfen wird. Japan hat definitiv ein Müllproblem. Leider steht der normale Japaner auf alle Arten von Verpackungen. Im Supermarkt finden sich einzeln in Plastik verpackte Bananen, Äpfel und Orangen. Verkaufte Donuts werden extra einzeln in kleine Plastiktüten verpackt und so gut wie alle Fertiggerichte und Lebensmittel werden verpackt und verschweißt in Hartplastik verkauft, das nach dem Verzehr im Müll, oder eben im Meer landet. Glasflaschen sind eher selten zu finden. Statt dessen lassen sich fast alle Getränke aus Plastikflaschen oder Dosen zu sich nehmen. Ein Pfandsystem sucht man vergebens. Mit einem unguten Gefühl begeben wir uns zurück zum Parkplatz, winken „Yoshi“ zum Abschied (er schenkt uns keinerlei Beachtung während er vor seinem Häuschen in die Trompete pustet) und fahren in Richtung Fukuoka, einer Großstadt im Süden Japans. Es wird wärmer. Der Süden Japans bietet bereits angenehme 15 Grad Celsius und bei Sonnenschein lässt es sich bereits im T-Shirt aushalten. Weiter nördlich prophezeien die Wetterkanäle noch leichten Schneefall. Wenn Engel reisen oder? Unser Ziel ist Sakurai Futamigaura of Meoto Iwa. Ein Meoto Iwa besteht in der Regel aus zwei Felsen, die durch ein dickes Seil miteinander verbunden sind und deshalb auch „verheiratete Felsen“ genannt werden. Das bekannteste Meoto Iwa befindet sich nahe der Stadt Ise in der Präfektur Mie, doch dazu später mehr.
Nur wenige Kilometer vor dem heute angesteuerten Meoto Iwa befindet sich zwischen zwei Palmen am Strand eine Schaukel die für die japanischen Urlauber ein absolutes Highlight darstellen. Ein Insta-Motiv par excellence. Junge Japaner und Japanerinnen stehen Schlange nur um sich auf dieser Schaukel fotografieren lassen zu können. Die spinnen die Japaner. Das Palmenpaar sollte uns eigentlich als Motiv dienen aber die Warteschlange ist so lang, dass wir uns das Foto heute abschminken können. Morgen früh, sagen wir uns. Morgen früh, kurz nach Sonnenaufgang, sind wir sicher allein hier und können die Palmenschaukel entspannt aufnehmen. Die Japaner sind verrückt, aber sind sie auch so verrückt, dass sie sich um 07:30 Uhr morgens auf einer Schaukel fotografieren lassen? Diese Frage können wir uns morgen früh selbst beantworten. Erstmal fahren wir weiter zum Meoto Iwa. Es herrscht Ebbe. Viele Steine, die sich normaler Weise bei Flut unter Wasser befinden, liegen frei. Nicht die schlechtesten Bedingungen, obwohl ich das Motiv mit mehr Meer wesentlich schöner finde. Am Strand befindet sich ein gigantisches, weißes Torii, das den eigentlichen Anziehungspunkt der vielen japanischen Touristen darstellt. Zahlreiche Besucher lassen sich unter dem Torii fotografieren. Mit Tasche, ohne Tasche. Die Haare offen, mit Brille, ohne Brille und Pferdeschwanz. Jacke an, Jacke aus. Mehr Lippenstift. Zum Glück müssen wir kein Teil der Schlange werden um hier zu fotografieren. Wir legen einfach los indem wir uns etwas abseits des Tumults positionieren. Schuss. Schuss. Schuss und die Fotos sind im Kasten. Nicht perfekt aber annehmbar. Wir beschließen diesen Spot definitiv nochmal bei Flut zu besuchen. Der Plan für morgen: Palmenschaukel am Morgen. Anschließend Meoto Iwa. In der Hoffnung, dass trotz einsetzender Ebbe noch genug Wasser vorhanden ist um die Steine im Vordergrund zu überspülen. Wir suchen uns ein Hotel in nahe gelegenen Fukuoka und lassen den Abend ruhig mit etwas Sushi auf dem Teller ausklingen.

23. / 24. März 2019 | Isahaya - Ouo Shrine - Yatsushiro

07:30 Uhr am Morgen. Die Frisur sitzt. Die Palmenschaukel ist menschenleer. Nun aber schnell das Equipment aufbauen, denn so wie ich die Japaner kenne sind sie so verrückt, sich auch morgens bei recht durchschnittlichem Wetter auf der Schaukel fotografieren zu lassen. So verrückt wie wir also. Der Vorahnung folgt die Realität. Die ersten Autos fahren vor und die Besucher steuern direkt auf die Schaukel zu, die wahrscheinlich häufiger fotografiert wurde als Lady Diana. Die japanische Höflichkeit ermöglicht es mir aber die Aufnahme zu beenden und sogar noch einen Sicherungsschuss mit leicht optimierter Komposition zu machen. Brav stellen sich die potenziellen Schaukler in einer Reihe hinter mir auf. Drei Minuten später geben ich den zumeist weiblichen Besuchern das Zeichen, dass ich fertig bin und bedanke mich für‘s Warten. Sie bedanken sich ebenfalls und zappzarapp sitzt das erste Mädel auf der Schaukel und posiert grinsend für ihre Freundin. 5 Kilometer weiter versuchen wir erneut das Meoto Iwa vom Vorabend aufzunehmen. Es ist High Tide und die Steine im Vordergrund wurden vom Meer verschluckt. Großartig. Das Motiv wirkt so weitaus minimalistischer. Zerbrechlicher. Filigraner. Japanischer. Trotz Gummistiefeln an den Beinen kehren wir mit durchnässten Hosen und nassen Füßen zum Auto zurück. Ein paar „böse“ Wellen haben uns erwischt. Das Equipment ist heil geblieben. Das ist das Wichtigste. Den Rest des Tages verbringen wir fahrend auf der Autobahn und diversen Landstraßen. Unser nächstes Ziel sind drei Torii des Ouo Schreins, die nahe der Stadt Isahaya in einer Reihe hintereinander ins Meer hineinführen. Abends angekommen herrscht planmäßig Ebbe. Kein Problem, da wir diesen Spot eh erst am nächsten Tag aufnehmen möchten. Die Torii kommen erst zur Geltung wenn sie direkt im Wasser stehen. Leider versprechen sämtliche Wetterkanäle einen strahlend sonnigen Tag und der nächste Höchststand des Wassers wird erst wieder um die Mittagszeit herum sein. Aufgrund der harten Schlagschatten wird dieser Spot wohl ausfallen müssen aber wir wollen uns morgens trotzdem überraschen lassen und planen diesen Fotospot mit ein.
Der darauffolgende Morgen beginnt mit der Zauberstimme von Johannes Strate, die jeden Morgen aus meinem Handy erklingt. Ich bin wach. 20 Minuten später sitzen wir im Auto in Richtung der Torii von gestern Abend. Die Gezeiten werden uns mit Niedrigwasser einen Strich durch die Rechnung machen doch wir schauen trotzdem mal vorbei. Wie erwartet bleibt die Kamera im Rucksack. Ohne Wasser wirken die drei Motive sehr verloren, unspannend und schmutzig. Trotz der ungünstigen Konditionen haben sich einige Fotografen am Spot eingefunden. Das Licht ist großartig aber hervorragendes Licht ist heute Morgen leider nicht Alles. Wir fahren weiter. Und fahren ... fahren ... fahren. Die Sonne knallt unerbittlich, sodass wir beschließen heute Nachmittag blau zu machen. In Yatsushiro angekommen beziehen wir unsere Hotelzimmer, halten ein Schwätzchen mit dem Rezeptionisten, der ungewöhnlich gutes Englisch spricht, und lassen anschließend Japan Japan sein.

25. März 2019
 | Einootsurugi - Sun Messe - Hyuga

Der Tag beginnt entspannt. Frühstück Japan Style. Frischer Fisch, Miso-Suppe, Reis, Überbackenes Ei (perfekt gekocht, so wie ich es mag) viel Gemüse und allerhand Köstlichkeiten.  Ziel des heutigen Morgens ist das Torii des Einootsurugi Schreins. Obwohl sich in Japan zahlreiche Torii finden lassen ist fast Jedes auf seine Art etwas ganz Besonderes. Keines scheint dem Anderen zu gleichen. Bei Einootsurugi handelt es sich um ein altes Steintorii dem zwei alte Laternen, ebenfalls aus Stein gefertigt, als Wegführer dienen. Nicht ganz symmetrisch ausgerichtet aber trotz allem wunderschön. Es herrscht Ebbe als wir nach einer 40-minütigen Fahrt das Torii erreichen. Egal. Das Wasser steigt und in ca. zwei Stunden ist der Höchststand erreicht. Ich markiere mir die Blickwinkel, aus denen ich fotografieren möchte mit Stückchen und Steinchen. Sobald die letzten Steine vom Wasser überspült werden kann ich loslegen. In dem Wissen entspanne ich in friedlicher Atmosphäre. Nur das plätschernde Wasser und ein paar zwitschernde Vögel sind zu hören.
Höchststand. Es kann losgehen. Einootsurugi ist extrem ergiebig. Aus diesem Spot lassen sich mindestens vier bis fünf brauchbare Fotos herausholen. Das Wasser ist ruhig und zaubert wunderschöne Spiegelungen. Der Himmel ist bedeckt und die Berge im Hintergrund verschwinden im Dunst. Bessere Konditionen kann es nicht geben.
Wie von der Hornisse gestochen fahren wir ein paar Kilometer weiter zum nächsten Spot, den ich vor ein paar Tagen beim Vorbeifahren und Scouten entdeckt habe. Eine Steinmauer, deren Steine ein filigranes, sehr spannendes Muster ergeben. Dazu läuft die Mauer in einem Bogen im Meer aus. Das perfekte Motiv für minimalistische Fotoaufnahmen. Mauer. Wasser. Himmel. Reicht. Weniger ist mehr.
Am Nachmittag des heutigen Tages steht etwas, für mich, ganz Besonderes auf dem Plan. Im Südosten Japans haben sich die Japaner Mitte der der neunziger Jahre einen kleinen Teil der Osterinsel nachbauen lassen. Sun Messe. Bei Sun Messe (Park of the sun and the southern ocean) handelt es sich um einen Themenpark nahe der Stadt Nichinan. Parkplätze, Besucherzentrum, Restaurant, öffentliche Toiletten, Parkwächter. Alles da was das Parkbesucherherz begehrt. Angeblich wurde Sun Messe gebaut um die Freundschaft zwischen Rapa Nui und Japan zu stärken. Auf diversen Schildern steht geschrieben, dass sich die berühmtesten Moai, Ahu Akivi (bekannt dafür, dass sie sich in einer Reihe befinden und als Einzige in das Land hinblicken), sich gegenseitig anschauen. Die Moai der Osterinsel sind laut der Tafel telepathisch mit den nachgebauten Moai an Japans Ostküste verbunden. So romantisch sich diese Information auch liest so unwahr ist sie leider. Beide Gruppen blicken nach Westen in Richtung Sonnenaufgang. Sie blicken sich also gegenseitig auf die Hinterteile. Aber egal. Typisch asiatisch erfüllt jede Figur zudem eine bestimmte Aufgabe. So erhält man gegen eine Spende, die vor den jeweiligen Moai gelegt wird dessen Fähigkeiten man in Anspruch nehmen möchte, mehr Geld, Glück in der Liebe, Erfolg im Job oder Studium, und und und.
Als Fotomotiv sind die Moai definitiv unschlagbar. Der Besucherandrang hält sich in Grenzen. Mit etwas Wartezeit bekommen wir die Moai sogar für ein paar Minuten „modelfrei“. Japaner sind so unfassbar höflich. Wir bitten ein paar Personen, die auf die Moai zugestürmt sind um sich neben den Figuren fotografieren zu lassen, um eine zweiminütige Wartezeit und sie warten geduldig bis wir unsere Aufnahmen abgeschlossen haben. In Deutschland wäre dieses Verhalten leider undenkbar.  Wer mich kennt weiß, dass der Besuch der Osterinsel ein riesiger Traum von mir ist. Ein kleiner Teil dieses Traumes ist heute für mich durch den Besuch in Sun Messe Nichinan wahr geworden! Auf den Spuren von Thor Heyerdahl auf dem "Ron-Tiki", das uns schnell und sicher nach Hyuga bringt wo unsere Hotelbetten bereits auf uns warten.

26. März 2019 | Hyuga - Kitsuki Castle - Natakaigan

Die letzte Nacht war kurz. Nach fünf Stunden Schlaf brechen wir um kurz vor 05:00 Uhr auf um unseren nächsten Fotospot rechtzeitig zu erreichen. Die Wettervorhersagen versprechen uns bis um ca. 10:00 Uhr eine geschlossene Wolkendecke bevor den restlichen Tag die Sonne unerbittlich auf den Planeten knallen soll. Dieses kurze Zeitfenster müssen wir nutzen. Leider bricht die Wolkendecke schon während der Fahrt auf, sodass wir nach dreieinhalb Stunden am Strand vor dem Natakaigan Schrein im strahlenden Sonnenschein stehen und blöd aus der Wäsche kucken. Nix da mit Fotografieren. Wir nehmen uns diesen Schrein und das dazugehörige Torii auf einem Felsen im Wasser für den Abend vor. Wir brauchen weicheres Licht. Zeit für etwas Sightseeing in der Umgebung. Kitsuki Castle, eine Burg mitten in der Stadt Kitsuki, genauso wie ein paar interessante Felsen an der Küste dienen unserem Zeitvertreib bei angenehmen 18 Grad.
Der Abend am Strand und am Schrein Natakaigan verläuft sehr harmonisch. Alles passt. Perfektes Licht, kein Wind. Ich nehme mir vor die hinter einem Tempel liegenden Grabesstätten zu fotografieren. Zwei uralte Steintorii, einige verwitterte Laternen und Grabsteine sowie viele kleine Details wie kleine, alt aussehende Buddhafiguren zieren diesen Ort. Die Atmosphäre dort ist unglaublich energiegeladen. Obwohl ich spirituell nicht besonders bewandert bin macht dieser Ort irgendetwas mit mir. Er lädt mich auf. Ich fühle mich trotz einsetzender Dunkelheit und extremer Stille, die von undefinierbaren Geräuschen im dunklen Wald vor mir immer wieder unterbrochen werden, geborgen und sicher. Zugegeben ist es etwas unheimlich, so allein in einem dunklen Wald aber auf der anderen Seite hält mich irgendwas dort. Es fesselt mich. Ich entspanne mich und versuche die Energien dieses Ortes zuzulassen. Es ist nicht das erste Mal, dass ich diese Energien in Japan spüre. Schon 2016, an einer Pagode mitten im Wald im Norden Japans, war ich nach dem Besuch dieses heiligen Ortes wie aufgeladen. Die Batterien waren, so wie jetzt auch, wieder voll. Und das ist es was Japan und die japanische Bevölkerung für mich ausmachen. Alles ist irgendwie friedlicher. Ausgeglichener und wesentlich kraftvoller. Der Abend war ein voller Erfolg. Fotografisch aber auch physisch und psychisch. Danke Japan! Danke für diese tolle Erfahrung!

27. März 2019 | Ōita - Sekizada - Naruto

Wir fahren weiter in Richtung Norden. Kurz hinter Ōita befindet sich ein Fotospot, den wir zum Sonnenaufgang fotografieren möchten. Da wir die Objekte der Begierde, zwei markante, bewachsene Felsen am Strand bereits am Vortag ausgekundschaftet haben wissen wir genau was uns erwartet. Planung ist alles. Es herrscht zwar Ebbe aber auf vielen der freiliegenden Steinbrocken wachsen knallgrüne, ich würde fast behaupten neongrüne, Algen. Die Farben stechen mir sofort ins Auge und werden mit in die Bildkomposition aufgenommen. 30 Minuten später ist das Foto im Kasten und wir düsen nach Ōita um die Autofähre für unsere Überfahrt nach Cape Sada / Sekizada zu bekommen. Die 1,5 stündige Fahrt spart uns ca. 3 Stunden Autofahrt und kostet uns knappe 9000 ¥, also ungerechnet ca. 69,00 €. Die Fähre ist voller Japaner und es scheint als wären wir die einzigen Europäer an Bord. Von Distanz oder gar Ablehnung aber keine Spur. Japaner sind schüchtern aber neugierig und ein älterer Herr spricht uns an. Er möchte ein bisschen rumschnacken. Der Herr spricht erstaunlicher Weise sogar ein paar Brocken Deutsch und haut, eher untypisch für Japaner, mit deutschen Sätzen und Wörtern um sich. Die japanische Mentalität tendiert eher in die Richtung, dass sie Dinge sehr zaghaft anwenden, die sie nicht perfekt beherrschen um sich nicht der Scham zu ergeben etwas falsch gemacht zu haben. Schade aber so ist es nun mal. Diese Eigenart macht es uns teilweise sehr schwer zu kommunizieren aber mit Händen und Füßen, sowie Zettel, Stift und Google Translator funktioniert es irgendwie auch. Der ältere Herr spricht für japanische Verhältnisse super englisch und so erfahren wir, dass er vor Jahrzehnten in Deutschland gelebt hat und im Urlaub gern mal in Bayern unterwegs ist. Lustiger Typ! Zum Abschied holt er noch schnell eine Kamera aus seiner Tasche und fotografiert uns bevor er zu seinem Auto eilt. Weg ist er.
Auf der anderen Seite der riesigen Bucht angekommen suchen wir ein Hotel im 3 Stunden entfernten Naruto um dort zu nächtigen. Wir entspannen also abends in einer wundervoller Hotelanlage mit allem was das Herz begehrt. Wer mal in der Ecke sein sollte und ein Hotel sucht, ist im Lotus Hotel super aufgehoben. Gute Nacht Japan. Morgen geht‘s weiter in Richtung Osaka.

28. März 2019 | Kobe - Nachi-No-Otaki Falls - Seigantoji

Der Wecker klingelt um 05:00 Uhr morgens. Natürlich trällert mich Johannes Strate wieder entspannt in den Morgen. Wir setzen uns ein hehres Ziel. 350 Kilometer Fahrtweg liegen vor uns. Das klingt erstmal nicht viel aber die Geschwindigkeitsbegrenzungen und der Verkehr durch die Großstädte sind enorme Zeitfresser. Wir beginnen an der Akashi-Kaikyō-Brücke, die die Stadt Awaji auf der Insel Awaji-Shima mit der Großstadt Kobe auf der Insel Honshū verbindet. Kobe erlangte 1995 durch ein verheerendes Erdbeben traurige Berühmtheit. Viele von Euch erinnern sich vielleicht an die schrecklichen Bilder nach dem Unglück. Erdbeben sind in Japan keine Seltenheit, da die Insel direkt auf dem pazifischen Feuerring liegt, doch das Erdbeben in Kobe war außergewöhnlich stark. Die Akashi-Kaikyō-Brücke, 1998 erbaut, ist ein Monstrum von einer Brücke die weitaus gigantischer ist als die Golden Gate Bridge in San Francisco. Momentan ist sie mit 1991 Metern die längste Hängebrücke der Welt. Ich stehe unterhalb der Brücke und der Wind erzeugt einen enormen Lärm indem er durch die Brücke pfeift. Es klingt so als fuchtelt jemand mit seinem Schwert vor mir herum. Große Transporter und LKWs wirken auf der Brücke winzig klein. Unfassbar. Die Akashi-Kaikyō-Brücke ist übrigens nicht die einzige gigantische Brücke in Kobe und Umgebung und stellt damit nicht unbedingt eine Seltenheit dar. Die Pfeiler vieler nur unwesentlich kleinerer Stahlkolosse ragen an vielen Stellen der Stadt in den Himmel. Ich finde aber unter der Vielzahl von Riesenbrücken ist die Akashi-Kaikyō-Brücke die Beeindruckendste. Nachdem wir einige Perspektiven abgelichtet und unser Frühstück zu uns genommen haben fahren wir weiter zum Nachi-No-Otaki-Wasserfall, der sich im Südwesten Japans befindet. Anderthalb Stunden Fahrt durch den Berufsverkehr in Kobe und Osaka, die Beide fast nahtlos ineinander übergehen. Darauf folgen noch anderthalb Stunden Fahrt durch das ländlichere Japan, das eindeutig erholsamer erscheint.Man könnte meinen Sengan-Ji wurde als Filmkulisse erbaut und dann den Mönchen übergeben. Eine wunderschöne, gut erhaltene Pagode inmitten blühender Kirschbäume lassen das Areal wie in einem Märchenfilm erscheinen. Ein wunderschöner, schmaler Wasserfall, der über die bewaldeten Klippen weit oberhalb der Pagode die Felsen hinabsprudelt, macht die japanische Märchenwelt perfekt. The place to be für Buddhisten und Touristen. Leider ist das Licht nicht wirklich perfekt und wir stehen etwas unter Zeitdruck, sodass wir beschließen die Pagode zwar abzulichten aber nicht bis zum Sonnenuntergang warten werden um das gewünschte Fotolicht zu erwischen. Die Prognosen für einen schönen Sonnenuntergang sind eh eher mau. So what. Wir erkunden das Areal noch etwas und fahren weiter ins nächste Hotel um dort zu nächtigen. Morgen stehen ein paar Spots in Mie auf dem Plan, auf die ich mich besonders freue.

29. März 2019 | Ise - Meoto Iwa - Matsumoto

Der Tag beginnt früh. 06:30 Uhr Frühstück Japan Style. 07:00 Uhr Abfahrt in Richtung der Stadt Ise in der Präfektur Mie. Unser Ziel ist einer der wohl bekanntesten shintoistischen Tempel in Japan. Genauer gesagt ist das Objektiv der Begierde Meoto Iwa, das sich vor dem Tempel befindet. Anders als Meoto Iwa nahe Fukuoka befindet sich in Ise ein kleines, schlichtes Torii auf einem der beiden Felsen, was es fototechnisch noch interessanter macht. Außerdem wird dieses Meoto Iwa von ein paar kleineren, markanten Felsen umgeben die ein sehr harmonisches, interessantes Gesamtbild ergeben. Ich kenne das Areal sehr gut, da wir die Felsen bereits 2016 mehrfach abgelichtet haben. Aufgrund eines Sturmes und ungünstigen Lichtebedingungen hatte ich beim letzten Mal aber nicht die Möglichkeit alle Perspektiven und Motive zu fotografieren. Trotz einer Vielzahl von Besuchern und teils sehr schwierigen Lichtsituationen (die Sonne schielt immer wieder durch die Wolkendecke hindurch und wirft unschöne Schatten auf die Felsengruppe) gelingt es mir zwei bis drei neue Perspektiven zu fotografieren. Eine super Ausbeute! Das eigentliche Highlight sollen aber die zahlreichen Norifarmen darstellen, die die leckeren Algenblätter hervorbringen, die sich oft in einer Miso-Suppe finden lassen oder das sauleckere Sushi ummanteln. Mmmmh Sushi!Diese Farmen bestehen meist aus hunderten von symmetrisch angeordneten, langen Stöckern im Wasser zwischen die engmaschige Netze gespannt werden, die nur bei Niedrigwasser sichtbar werden, da sie sich sonst unter Wasser befinden. In der Regel werden diese Farmen im Frühjahr aufgebaut und im Winter wieder abgebaut um im Frühjahr wieder mit dem Setzen neuer Stöcker zu beginnen. Leider schauen wir blöd aus der Wäsche als wir an den uns bekannten Farmen ankommen. Die Herausforderung besteht aus vielen Faktoren, die alle stimmen sollten um ein schönes Foto zu schießen. Die Anordnung der Stöcker, der Hintergrund, Ebbe und Flut. Die Stöcker sollten so symmetrisch wie möglich angeordnet sein und nicht unbedingt aus zu großen Feldern bestehen um sie besser aufteilen zu können. Optimaler Weise zeigen alle Stöcker in eine Richtung, nämlich auf‘s Meer hinaus, sodass der Hintergrund so unauffällig wie möglich wird und den Farmen im Wasser nicht die Show stiehlt. Im nächsten Schritt braucht es Niedrigwasser um die Netze zu sehen, auf denen sich die Algen sammeln. Wir haben Pech, denn unsere Algenfarmen wurden komplett neu gesteckt. Die Anordnung lockt uns nicht wirklich hinter dem Ofen hervor, sodass sich das Warten auf Niedrigwasser an diesem Spot nicht lohnen würde. Wir beschließen andere Farmen zu suchen aber finden keine fotogenere Norifarm, sodass wir beschließen vorzeitig in Richtung Matsumoto zu fahren. Nochmal fünf Stunden auf der Autobahn. Schade, sehr sehr schade, denn auf die Farmen habe ich mich sehr gefreut. Aber man kann leider nicht alles haben.Die Fahrt nach Matsumoto in der Präfektur Nagano dauert eine gefühlte Ewigkeit. Unser Navi gibt eine ungefähr Ankunftszeit von 17:40 Uhr an, sodass wir noch genug Zeit hätten, um DIE Sehenswürdigkeit Matsumotus, Matsumoto Castle, zu fotografieren. Die Kleinstadt, nordwestlich von Tokyo gelegen, ist durch ihr eher trockenes Klima besonders für ihre Holzverarbeitung und den Gitarrenbau bekannt. Traurige Berühmtheit erlangte auch diese Stadt, als die Aum-Sekte einen Giftgasanschlag auf Matsumoto verübte und dadurch mehrere Menschen ums Leben kamen.Wir erreichen die Burg um kurz vor 18:00 Uhr und müssen uns etwas sputen um zumindest noch ein Foto schießen zu können. Ankommen, Areal abchecken, Perspektiven testen, Equipment aufbauen, Einstellungen vornehmen, abdrücken und warten. Am besten so schnell wie möglich. Fotografieren unter Zeitdruck ist nicht die beste Alternative um schöne Fotos zu schießen, aber Zeitdruck gehört auch oft zum Job dazu. Drei Fotos aus unterschiedlichen Perspektiven sind im Kasten. Leider sind noch lange nicht alle Möglichkeiten dieser Burg ausgeschöpft. Wir beschließen uns ein Zimmer in einem nahe gelegenen Hotel zu buchen um die Fotosession morgens fortsetzen zu können. Was für ein gelungener, erfolgreicher Tag. So kann es weitergehen. Gute Nacht Japan und bis morgen früh!

30. März 2019 | Matsumoto - Ōarai - Saku

Leichte Bewölkung am Morgen vertreibt Kummer und Sorgen. Wir begeben uns um 05:00 Uhr zu Fuß zur Burg Matsumoto. Alles passt. Licht, Wind, Spiegelungen und letztendlich auch das Motiv an sich. Die Grundvoraussetzung an sich. Jetzt könnte man meinen, dass sich über Nacht nichts verändert haben sollte oder? Die Erfahrung zeigt, dass Japaner gern mal für eine Überraschung gut sind. 2016 waren wir schon mal in Matsumoto, doch die Burg war verschwunden. Wir standen vor einem leeren Platz. Warum und weshalb haben wir aufgrund mangelnder Sprachkenntnisse nicht in Erfahrung bringen können aber sie war weg. Abgebaut. Umgesetzt. Entführt von Aliens. Was auch immer. Erst gestern fuhren wir an einer anderen „Burg“ vorbei, die ebenfalls umgesetzt worden sein muss, da sich nur noch das riesige Baugerüst an Ort und Stelle befand, dass die Umrisse der verschwundenen Burg grob abbildete. Wir fotografieren einige Stunden und sind zufrieden. Abfahrt! Ziel ist die Ostküste Japans, genauer gesagt ein Torii an der Küste Oarais. Das Torii habe ich 2016 auch schon fotografiert, aber richtig zufrieden war ich damit nie. Beim Torii in Oarai handelt es sich um ein schwieriges Motiv. Es befindet sich auf einem langgestreckten Felsen ca. 15 bis 20 Meter vom Strand entfernt und ist umgeben von vielen kleineren Felsen, die selbst bei Flut sichtbar sind. Es gilt also eine geeignete Perspektive zu finden, in der sich alle kleineren Steine, sinnvoll und harmonisch komponiert, wiederfinden. Wie beim letzten Besuch herrscht ein ziemlich starker Gegenwind, der es uns zusätzlich schwer macht. Die Gischt, die unsere Filter nach kurzer Zeit verschmiert tut ihr Übriges. Zwei bis drei Perspektiven sind im Kasten bis es KLIRR macht. Michael hat seinen ersten Filter zerstört. Neeeeiiiiiin. In drei sauber gebrochenen Teilen liegt der Filter neben ihm auf dem groben Kiesstrand. Zeit für einen Sekt würde ich sagen. Er nimmt es mit Fassung. Weitere Filter sind vorhanden, was das Wichtigste ist. Gut eine Stunde später brechen wir ab. Der Wind wird stärker und es ist mittlerweile so richtig kalt. Zeit für leckeres, wärmendes Ramen oder eine Miso-Suppe, die uns für den Rest des Tages stärken soll. Wir begeben uns auf den Weg an die Westküste, die ca. 530 Kilometer entfernt ist. Fahrzeit ca. acht Stunden. Auf der Strecke knacken wir die 4000 Kilometermarke. In knapp 13 Tagen haben wir bereits stattliche 4000 Kilometer zurückgelegt. Ein guter Schnitt. Zeit für einen zweiten Sekt. Zum Wohle. Unser Hotel suchen wir uns in Saku, etwa auf halber Strecke nach Jōetsu. Einchecken. Bilddateien sichern. Schlafen. Gute Nacht.

31. März 2019 | Saku - Jōetsu - Fukui

Ich schaue aus dem Fenster und mir wird klar, dass der Tag ziemlich aufreibend wird. Es regnet und stürmt. Lichttechnisch stellt Regen eine perfekte Bedingung dar. Wenn Regen nur nicht so dermaßen nass wäre. An solchen Tagen kommt die Katze in mir durch. Ich hasse die Gefahr bei Regen nass zu werden. Wir nehmen uns vor eine kleine Landzunge an der Westküste zwischen den Städten Jōetsu und Fukui abzufahren, in der Hoffnung neue Motive zu finden. Auf der Strecke kommen wir am ersten geplanten Spot vorbei. Die Küste ist voller spannender Felsen und teilweise finden sich kleinere Inseln auf denen ein oder zwei Bäume wachsen. Mega Motive, die wir, komme was wolle, versuchen zu fotografieren. Der heutige Tag ist aber definitiv nicht mein Tag. Das Wetter wechselt ständig zwischen sonnig und bewölkt. Alle paar Minuten ziehen dicke, dunkelgraue Wolken über uns hinweg, die uns mit Regen und Hagel bombardieren. Starker Wind ist fast noch das geringste Übel. Das Licht ist mies, die Wolkenstrukturen gefallen mir auch nicht. Schlechte Laune. Gegen Nachmittag geben wir auf und besorgen uns ein Hotelzimmer in Fukui und entspannen während Regen, Sturm und Hagel gegen das Gebäude peitschen. Der morgige Tag wird besser!

01. April 2019 | Fukui - Tojinbo Cliffs - Mitsukejima - Bentenjima - Shika

Liebes Tagebuch, ich wünsche mir für heute besseres Fotowetter als gestern. Mit diesem Wunsch und nach einem mega Hotelfrühstück in der 8. Etage (der Ausblick über die dichten Wälder Japans ist grandios), machen wir uns auf den Weg. Unser erstes Ziel, die Tonjibo Cliffs, erreichen wir nach ein paar Minuten im Auto. Und natürlich setzt in dem Moment in dem ich die Autotür öffne der Regen ein. Wie kann es auch anders sein. Also rein in die Gummistiefel, Regenschirm in die Hand und ab geht die Lutzi. Die Tonjibo Cliffs bezeichnen einen sehr markanten Küstenabschnitt mit vielen dunklen, steilen und teils scharfkantigen Felsen an der Westküste gelegen. Die wohl sicherste Möglichkeit diese Gegend zu bestaunen ist wohl die Aussicht vom offiziellen Besucherparkplatz weit oberhalb der Klippen. Es stürmt gewaltig und kräftige Wellen brechen sich an den steilen Felsvorsprüngen. Abenteuer! Über teils rutschige Stufen kämpfen wir uns hinab und suchen das Objekt der Begierde. Einen bestimmten Felsblock direkt an der Spitze einer kleinen Bucht inmitten der felsigen Giganten. Der riesige Stein befindet sich etwas abseits aber wir erreichen die gesuchte Bucht ohne Schäden beim klettern, staksen und schlittern über die rutschigen Steine. Für gewöhnlich bin ich der Erste der sich hinpackt und dessen Klamotten versaut sind. Wie geschrieben komme ich heil an, was für mich bedeutet, dass der Tag schon jetzt ein voller Erfolg ist. Der Morgen bleibt erfolgreich, da auch das gesamte Equipment heil bleibt. Trotz des Sturmes, des Regens und der mächtigen Wellen bleiben selbst die Filterscheiben ganz. Ich suche mir zwei Perspektiven, portraitiere sie und erkunde anschließend mit ein paar wenigen asiatischen Besuchern das Areal. Der Regen ist mit Sicherheit dafür verantwortlich, dass sich nur ein paar Leutchen hier eingefunden haben. Bei strahlendem Sonnenschein schaut die gesamte Situation hier sicher etwas anders aus. Zurück im Auto stoppen die Regenfälle. Kann nicht wahr sein oder? Ist aber so.
Wir beschließen etwas weiter nördlich eine Salzfarm zu besuchen um zu sehen wie die einheimische Bevölkerung das Salz aus dem Meer gewinnt und abbaut. Hier wird nicht mit modernen Entsalzungsmethoden gearbeitet sondern ganz traditionell durch Ebbe, Flut und mit viel körperlicher Arbeit. Ich bin erstaunt. Viele Abläufe in Japan werden mittlerweile der Technik überlassen aber immer wieder finden sich Bereiche, die auf traditionelle Weise erledigt werden sollen, so wie es die Vorfahren getan haben. Der technische Fortschritt hält also nicht überall Einzug. Japan, Land der Kontraste.
Mit 100g Meersalz im Gepäck und 400 ¥ ärmer, die umgerechnet gerade mal 3,20 € darstellen, fahren wir zwei weitere Spots auf der Ostseite der Landzunge an. Mitsukejima und Bentenjima Island. Mitsukejima Island ist DIE Sehenswürdigkeit der Gegend. Eine riesige, mindestens 30 Meter hohe und sehr steile Insel die ausschließlich von Kormoranen und anderen Vögeln bewohnt wird. Der für mich spannendere und japanischere Spot ist Bentenjima Island ein paar Kilometer südlich von Mitsukejima. Bei Bentenjima handelt es sich um eine kleine, bewaldete Insel, der ein wunderschönes Torii vorgelagert ist. Die Insel befindet sich nur ein paar Meter vom Strand entfernt und ist frei zugänglich. Torii und Insel wirken herrlich filigran und zerbrechlich. Ganz typisch für Japan. Wäre der riesige Bagger auf der anderen Seite des Strandes nicht, könnte man womöglich die Flöhe husten hören, so still und friedlich wäre es. Der Kontrast zwischen dem großen Bagger, dem metallischen Ungetüm, und der feinen, filigranen Insel könnte größer nicht sein. Obwohl in Japan Vieles sehr homogen erscheint ist dieses Land ein Land der Kontraste, was sich in vielen Bereichen, wie der Situation am Strand oder die Methoden der Salzgewinnung, zeigt.
Die Wetterkonditionen passen und die Fotos sind schnell im Kasten. Wir machen uns auf den Weg zurück an die Westküste der kleinen Landzunge. In der Stadt Shika nehmen wir uns die Hotelzimmer für die kommende Nacht und planen den weiteren Verlauf der Reise.
Der heutige Tag war, wie morgens schon vermutet, um ein Vielfaches angenehmer als der Gestrige. Danke liebes Tagebuch. 

02. April 2019 | Shika - Kanazawa - Mie - Lake Biwa

Um 07:00 Uhr schaue ich im achten Stock aus dem Fenster unseres Hotels und traue meinen Augen nicht. Schnee! Es schneit! Geil denke ich mir. Kommen wir vielleicht sogar zu ein paar Schneefotos? Blühende Kirschbäume im weißen Winterkleid vielleicht? Mal sehen was der Tag so bringt. Wir brechen kurze Zeit später zum ersten Spot auf. Auf das Frühstück verzichten wir gern bei solchen Konditionen. Trotzdem ist Vorsicht geboten, da wir auf Sommerreifen fahren und die Straßen extrem glatt sind. Auf unserer Fahrt sehen wir in kürzester Zeit zwei schwere Unfälle. Die Leute waren auf eine Blitzrückkehr des Winters absolut nicht vorbereitet. Wir fahren langsam und vorsichtig und kommen eine halbe Stunde später am Wunschspot an. Ein weiteres Meoto Iwa am Strand nahe Shika soll heute morgen auf unseren Speicherkarten landen. Es besteht aus zwei riesigen Felsen, die ca. 20 Meter in die Höhe ragen. Leider hat es hier, direkt an der Küste, nicht geschneit, aber was soll‘s. Das Motiv wirkt auch ohne den feinen Pulverschnee formidable. Da wir den Spot bereits gestern bei strahlendem Sonnenschein fotografiert haben, wissen wir bereits welche Perspektiven funktionieren. Alles geht recht schnell und eine Stunde später sitzen wir bereits im Auto in Richtung Mie. Natürlich hat es während der Fotosession bereits angefangen zu regnen. 
Auf dem Rückweg in die Zivilisation, weg aus diesem verregneten Gegend, halten wir an einem riesigen Fischmarkt in der Stadt Kanazawa. Es beginnt erneut stark zu schneien und wir retten uns in die riesige Fischhalle in der es alles erdenklich Essbare zu kaufen gibt. Nicht nur, dass es rappelvoll ist, es ist um Einiges kälter als draußen. Ich sehe meinen eigenen Atem. Fast wie im Film "The sixth sense". "Ich sehe tote Menschen!", ulke ich rum und schnapp mir einen Happen marinierten Fisch. Lecker!
Den Markt abgegrast fahren wir zurück nach Mie um vielleicht doch noch das eine oder andere Norifeld zu entdecken. Die Hoffnung aufzugeben fällt uns ziemlich schwer. Zwei Stunden später erreichen wir die Bucht, in der wir weitere Farmen vermuten. Wir finden sie. Leider kommt uns auch hier wieder das Wetter in die Quere. Es stürmt auch hier. Keine Chance für ein gutes Foto, da sich die Stöcker der Farmen bei Wind stark bewegen. Verdammt nochmal! Wir beißen mental in die Auslegeware und machen uns zähneknirschend auf den Weg zum Lake Biwa. Biwa ist ein gigantisch großer See nahe Kyoto der immer wieder Überraschungsmotive für besonders findige Fotografen bereithält. Bäume im Wasser, Fischreusen, Netze und allerhand Pfosten und Stöcker. Ein berühmtes Torii lässt sich ebenfalls im See finden. Kurz gesagt ist die Gegend fotografisch extrem ergiebig. Leider kommen wir erst spät am Lake Biwa an und das Licht ist bereits weg. Essen, Hotel, Zähne putzen, Bett. Morgen vor Sonnenaufgang wollen wir am ersten Spot sein. Gute Nacht.

03. April 2019 | Shirahige - Lake Biwa - Yamamoto Kōriyama - Nara

03:45 Uhr. Johannes Strate erklingt.Wie jeden Morgen viel zu früh. Am heutigen Morgen ertönt der Weckruf aber besonders früh. Der Grund dafür ist der frühe Sonnenaufgang und die miserable Wetterprognose. Sonne. Sonne. Sonne. Uns bleibt also nur der kurze Slot am Morgen um unser Wunschmotiv zu fotografieren. Bis zum Torii Shirahige, dass sich ca. 20 Meter vom Ufer entfernt im Lake Biwa befindet fahren wir gute anderthalb Stunden. Auf der Fahrt zum Spot stürmt und schneit es erneut, doch am Tempel angekommen sind nur noch vereinzelte Wolken zu sehen. Gummistiefel an und raus aus der Karre. Wir sind zwar recht früh dran aber Zeit am Spot zu haben schadet nie. Ich erkunde noch etwas das Tempelgelände und begebe mich anschließend zum Ufer des Sees. Das Wasser steht ungewöhnlich hoch. Während unseres letzten Besuchs hatten wir am Rande des Sees noch etwas Platz zum hin- und herstiefeln. Heute morgen steht das Wasser ca. 30-40 cm höher. Muss mit der Schneeschmelze in den umliegenden Bergen zu tun haben. Zumindest ist das Wasser ruhig und die Spiegelung des Torii kommt gut zur Geltung. Ich steige in den See und zwei Minuten später schwappt mir das eiskalte Wasser bereits in die Gummistiefel. Venice Style. Augen zu und durch. Ich wate am Ufer entlang um die geeignete Perspektive zu finden. Je länger ich mich im See befinde, desto mehr Wasser läuft mir in die Stiefel. Gute 30 Minuten später (die Fotos sind schnell im Kasten, denn das Licht und die Farben sind wunderschön) spüre ich weder meine Zehen noch meine Füße, sodass ich beschließe die Session zu beenden. Mit dem Wasser, das ich aus meinen Stiefeln kippe, könnte ich wahrscheinlich alle umliegenden Bäume gießen. Hose, Socken, Schuhe wechseln und aufwärmen bevor ich mir die nächste Erkältung einfange.
Wir fahren rund um den See um neue Spots zu erkunden und begeben uns anschließend ins zwei Stunden entfernte Yamamoto Kōriyama, dessen Burg wir besichtigen möchten. Die Burg Kōriyama stellt besonders zur Kirschblüte ein absolutes Highlight dar und ist Treffpunkt für die Japaner der Umgebung um gemeinsam auf dem riesigen Areal unter den zahlreichen Kirschbäumen zu picknicken. Das sogenannte Hanami, also das Feiern der Kirschblüte, hat in Japan Tradition. Auf meist blauen Plastikdecken sitzend verspeisen die Japaner im Kreise ihrer Lieben allerlei Leckereien und trinken ihr regionales Bier. Plastikdecken, die unbesetzt sind, sind heilig, was soviel heißt wie DIESER PLATZ IST RESERVIERT! Was der Deutsche am Swimming-Pool im Urlaub kann, kann der Japaner schon lange. 
Wir erkunden das Areal um für den nächsten Morgen gerüstet zu sein, denn der wolkenlose Morgen gibt uns wieder nur einen kurzen Slot vor, in dem wir fotografieren können. Den Rest des Nachmittags verbringen wir entspannt im Hotel in der angrenzenden Stadt Nara. Ich freue mich auf den nächsten Morgen und die blühenden Kirschbäume die darauf warten fotografiert zu werden.

04. April 2019 | Kōriyama Castle - Sanzen-In Tempel - Kōya-san - Ōsaka

Der Morgen startet, wie kann es anders sein, früh. Viel zu früh. Der Sonnenaufgang ist für 05:39 Uhr angesetzt und die Sonne wartet nicht! Also heißt es rein in die Puschen und ab zum Fotospot. Vor Kōriyama Castle befindet sich ein wunderschöner, blühender Kirschbaum. Beide Motive, Burg und Baum, wirken zusammen wie für eine japanische Filmkulisse geschaffen. Typischer Weise befindet sich rund um Kōriyama Castle ein mit spiegelglattem Wasser befüllter Burggraben, der die Burg perfekt im Wasser spiegelt. Wir haben uns am Vorabend einen perfekten Platz erspäht von dem aus wir ungestört fotografieren können. Sonne kommt hoch. Licht passt. Alles läuft nach Plan und das Foto ist schnell im Kasten. Ab geht‘s zurück in‘s Hotel um das Frühstück reinzuschaufeln. Ich habe einen Bärenhunger. Über den Sanzen-In Tempel, der einen wunderschönen Garten besitzt in dem sich überall zuckersüße Minibuddhas befinden die aus dem Moos auf die zahlreichen Besucher schauen, fahren wir nach Kōya-san, einem Ort in den Bergen südlich von Ōsaka. Kōya-san ist wohl einer der spirituellsten Orte Japans, denn hier reiht sich ein Tempelanlage an die Andere. Mächtige Tempel ragen aus den dichten Kieferwäldern empor und thronen über ihren Besuchern und Allem was sie umgibt. Überall Pagoden, Schreine, in Stein gehauene Gottheiten, Mönche und natürlich unfassbar viele Torii. Zudem ist Kōya-san Anziehungsort für Touristen aus aller Welt. Die Welt an diesem Ort scheint eins zu sein. Der Tourismus hier ist eine wichtige Einnahmequelle, da der Erhalt der Tempelanlagen u.A. durch die Besucher finanziert werden muss. Und das ist gut so. Was es hier zu sehen gibt ist einmalig und bestaunenswert. Weltkulturerbe. „Leider“ scheint an diesem Tag durchgängig die Sonne. Hartes Licht. Harte Schlagschatten. Die Kamera bleibt im Rucksack. Was besonders hart ist. Erst am späten Nachmittag kommt die Gute zum Einsatz. Auf dem Friedhof Okunoin darf der Sensor zeigen was er drauf hat. Er glüht. Warum? Das was ich hier bestaunen darf ist für mich ein einmaliges Geschenk! Der Friedhof im dichten Wald am Rande Kōya-sans ist voller in Stein gehauene Torii, Grabsteine, Laternen, Grabmäler, Buddhas und anderer Gottheiten. Gefühlt befinden sich 100 Reliquien auf einem Quadratmeter Friedhof. Alles was sich auf Okunoin befindet ist von Moos und Flechten überwachsen und wirkt uralt. Nach dem Glauben der buddhistischen Shingon-Lehre ruhen auf dem Friedhof keine Toten sondern nur wartende Seelen. Laut einer Sage wurde Patronym Kôbô Daishi (774 - 835), Gründer der religiösen Gemeinschaft auf dem Berg Kōya, aus seiner Meditation gerissen. Daraufhin prophezeite er, dass sich alle Seelen, die auf den Grabmalen ruhen oder deren Gebeine oder Asche vor dem Mausoleum abgestellt werden, in ferner Zukunft emporgetragen würden. In Erwartung dieser Prophezeiung ist die Anzahl der Gräber von Okunoin auf mehr als stattliche 200.000 angestiegen. Und der Friedhof wächst weiter, was ihn zum größten Friedhof Japans macht.
Ich bin so unendlich dankbar hier sein zu dürfen um das was hier zu sehen ist zu fotografieren, zu erleben und zu spüren. Überwältigt von dieser Atmosphäre schieße ich ein paar wenige Fotos und lasse die Energien einfach fließen. Innehalten.
Spät in der Nacht fahren wir ins nahe gelegene Ōsaka um dort zu nächtigen. Ich fühle mich unglaublich erfüllt und versuche die Eindrücke von Okunoin zu verarbeiten, von denen ich sicher noch lang zehren werde.

05. / 06. April 2019 | Kyōto - Byōdō-in Tempel - Otagi Nembutsu-ji Tempel

Die letzten Tage brechen an und wir haben uns dafür von Ōsaka nach Kyōto begeben. Die einstige japanische Haupt- und Kaiserstadt hält viele Motive bereit, die aufgrund der Vielzahl an Touristen jedoch nur schwer zu fotografieren sind. Der Arashiyama Bambuswald und Fushimi Inari-Taisha sind die wohl bekanntesten Sehenswürdigkeiten der Stadt. Der goldene Tempel Kinkaku-Ji und Kyomizu-dera sind ebenfalls beliebte Ausflugsziele und Fotomotive. Die bekannten Motive kommen für uns nur bedingt in Frage, da wir den Großteil bereits während des letzten Fototrips besucht haben und wir die Massen an Touristen nach den entspannten Wochen auf dem Land nur schwer ertragen können. Der Lärm und der Verkehr der Großstadt Kyōto reichen uns schon vollkommen. So entscheiden wir uns für einen Tempeltag im Hinterland Kyōtos.
Byōdō-in, ein buddhistischer Tempel im Südosten der Stadt, wird zuerst von uns angefahren. Die Sonne scheint, das Wetter ist herrlich und wir gönnen uns ein Softeis während des Spaziergangs vorbei an etlichen Kirschbäumen bis wir zum Tempelgelände gelangen. Der Blick von außen auf das Tempelgelände macht uns neugierig und wir zahlen die 600 ¥ Eintritt, was umgerechnet knapp 5,00 € sind. Die Gärten des Geländes zieren unzählige Kirschbäume in voller Blüte. Das Hauptgebäude leuchtet im herrlichsten Zinnoberrot und auch Byōdō-in erscheint als wäre es irgendwann einmal als japanische Filmkulisse erschaffen worden. Soetwas Schönes kann doch nicht wirklich einfach so geschaffen worden sein oder? Doch! Der Byōdō-in Tempel ist ein 998 in der Heian-Zeit erbauter Tempel, der erst 1052 als buddhistischer Tempel etabliert wurde. Uralt also, aber extrem gut erhalten. Wir schieben uns durch das kleine Museum und bestaunen uralte Tempelglocken, Statuen, Wandmalereien, Möbel, und und und. Toll. Einfach nur toll und bewundernswert mit wieviel Hingabe und Herzblut diese Dinge gefertigt und gepflegt wurden. Die Zeit vergeht und wir beeilen uns im den zweiten Tempel auf unserem Tagesplan zu besuchen bevor das Gelände schließt und die Mönche die Schotten dicht machen.
Otagi Nembutsu-ji befindet sich genau auf der andere Seite Kyōtos im Nordwesten der Stadt. Also wieder rein in der Verkehr, der treffender Weise eher als Dauerstau zu bezeichnen ist. Wir benötigen mindestens eine Stunde um irgendwie aus dem Gewimmel zu finden und erreichen Otagi Nembutsu-ji rechtzeitig. Dieses buddhistische Tempelgelände ist bekannt für seine tausenden kleinen Buddhastatuen, die sich auf dem gesamten Gelände verteilen, das Mitte des 8. Jahrhunderts von Kaiserin Shōtoku gegründet wurde. Auch wieder uralt. Und genau das sieht man den vielen Statuen an, was keinesfalls negativ gemeint ist. Die kleinen, von Moos bewachsenen Buddhas haben Patina, Charisma und Ausstrahlung. Otagi Nembutsu-ji ist wesentlich kleiner als Byōdō-in und wirkt zudem wesentlich friedlicher. Der angrenzende Wald, der am Tempelgelände beginnt sich einen Berg nach oben zu ziehen, verleiht dem Areal etwas sehr Friedliches und Ausgeglichenes. Besucher wandern nur wenige durch die Reihen der kleinen Figuren und über die Wege. Genau so mag ich das. Ruhe. Erst hier finde ich die Möglichkeit mich zu entspannen um die Atmosphäre in mir aufzusaugen. Ein einsamer Mönch werkelt vor einem Tempel vor sich hin und beachtet uns nicht weiter. Ein bewundernswertes Leben, das er führt denke ich mir. Sicher nicht einfach aber bewundernswert in vollkommener Abgeschiedenheit zu leben und sich ausschließlich auf sich selbst, seinen Geist und seine Umwelt zu konzentrieren.
Wir fahren zurück in den Großstadtlärm Kyōtos. Futter suchen und ab ins Bett. Der Tag wimmelte nur so von wunderschönen Eindrücken, die im Schlaf verarbeitet werden wollen. Schnell und friedlich entschlummere ich in meinem Bett während Kyōtos Verkehrslärm wohl die ganze Nacht toben wird.
Der vorletzte Tag startet wie alle vorherigen Tage sehr früh. Der berühmte Bambuswald in Arashiyama, einem Stadtteil im westlichen Kyōto, war vor drei Jahren schon eines unserer Fotomotive, doch wir möchten dieses wunderschöne Stück Wald gern nochmals besuchen. Diese smaragdgrünen Bambusstämme haben uns schon damals verzaubert. Früh morgens hatten wir den gesamten Wald quasi für uns und konnten fotografieren was das Zeug hielt. Dass sich dieser Glücksfall am heutigen Morgen wiederholen könnte schminken wir uns auf der Suche nach einem Parkplatz ab. Überall laufen fotografierende Besucher Arashiyamas umher, die den Bambuswald mit Sicherheit ebenfalls ablichten möchten. Wir erreichen den Zugang zum Wald und die friedliche Stimmung ist spätestens jetzt dahin. 30 bis 50 Besucher fotografieren und palavern lautstark vor sich hin. Einige Eltern versuchen ihre Rasselbande zusammenzuhalten die kreischend herumrennen. Mittendrin ein paar amüsante Instagram-Models und das obligatorische Hochzeitsshooting darf natürlich auch nicht fehlen. Augen rollend laufe ich einmal hin und her, schieße ein paar Fotos und verschwinde wieder in Richtung Parkplatz. Abfahrt. Der Fluch der sozialen Netzwerke. 
Den Rest des Tages verbringen wir shoppend im Gewusel Kyōtos und ich freue mich, trotz der wundervollen vergangenen Wochen, jetzt schon auf zu Hause.

07. / 08. April 2019 | Kyōto - Ōsaka

Der Start in den letzten Tag in Kyōto bedeutet gleichzeitig auch, dass der letzte Tag in Japan angebrochen ist. Zumindest für dieses Jahr. Ich verlasse Japan mit einem weinenden und mit einem lachenden Auge. Die letzten drei Wochen waren nicht nur fotografisch sehr intensiv. Auch mir und meinem Geist hat die Auszeit und das Hineinblicken in eine "fremde" Welt mehr als gut getan. Horizonterweiterung. Zurück finden zu mir selbst. Es war dringend nötig und ich hoffe, dass ich noch lange von diesen Erfahrungen zehren kann.
Mehr als 6600 Kilometer Autobahn, Landstraßen und Schotterpisten haben wir hinter uns gelassen. Die Mautkosten sind mir zu diesem Zeitpunkt noch unbekannt aber ich bin mir sicher, dass die Maut uns finanziell auffressen wird. Hier 500 ¥, da 2200 ¥ und Schwuppdiwupp fließen umgerechnet 1000 € in die japanischen Kassen zur Nutzung der Autobahn mitsamt ihren Tunneln und Brücken. Egal. Die Fotos und die Erlebnisse waren es allemal wert und ich will diese Zeit nicht missen. Ich konnte bis jetzt kein höflicheres und gleichzeitig durchgeknallteres Volk (und das ist positiv gemeint) kennenlernen als das Japanische und obwohl ich auch während dieses Besuches nur an der Oberfläche kratzen konnte habe ich mich wieder ein Stück mehr in dieses einmalige Land verliebt. Trotz des enormen technischen Fortschritts haben sich viele Japaner ihr altes, teilweise traditionelles Leben bewahrt, indem sie den Fortschritt geschickt in ihr bestehendes Leben eingebunden haben ohne alte Werte zu verlieren. Da wir uns aber größtenteils eher im Hinterland bewegt haben kann ich für die Megacities wie Tōkyō kein generelles Urteil fällen. Die Hauptstadt Japans haben wir diesmal bewusst gemieden. Den Trubel wollten wir uns als Kontrastprogramm nicht geben. Die Entspannung wäre sicher schnell wieder dahin gewesen, denn Tōkyō ist der reale Tanz auf dem Vulkan. Spannend mit anzusehen aber nach maximal drei Tagen sehe ich fliegende Schweine und Spatzen, die um meinen Kopf schwirren.
Trotz der schönen Zeit freue ich mich riesig auf mein Leben und meinen Alltag in Berlin. Auf mein eigenes Bett, meine Freunde und mein gewohntes Umfeld, denn ich weiß, dass ich wieder nach Japan kommen werde. Dieses Wissen macht es mir wesentlich leichter einen schönen Ort zu verlassen. Momentan planen Michael und ich einen Japan-Workshop für 2020. Nähere Infos werden in Kürze folgen. Bis dahin, liebes Japan und arigatou gozaimashita für die wundervollen Tage und Woche.

Den ganz neugierigen Lesern stelle ich gern ich eine kleine Auswahl der bereits fertig bearbeiteten Fotos online. Viel Spaß beim Anschauen und danke für das Lesen meines Reisetagebuchs Japan 2019.