Das neue SAMYANG AF 75mm F1.8 FE im Test

© Samyang / Foto Walser

Samyang gibt Gas. Wo der Objektivhersteller Samyang vor wenigen Jahren noch bekannt für seine manuellen Linsen war, die u.a. aufgrund ihrer Bedienung nur begrenzten Zulauf erhielten, bringt Samyang seit einiger Zeit kontinuierlich neue Objektive im Autofokusbereich auf den Markt, die sich qualitativ durchaus mit den Optiken anderer Hersteller messen können.
Mit dem neuen SAMYANG AF 75mm F1.8 wird die Auswahl hochqualitativer Vollformat-Autofokus-Objektive für Sony E (FE) Mount erneut erweitert, was mich natürlich besonders freut, denn so bekam ich die Gelegenheit dieses neue Objektiv der "Tiny"-Reihe vor der offiziellen Präsentation auf meiner Sony-Kamera zu testen. 
Ich möchte mich hierfür herzlich bei Samyang und das Team von Foto Walser, das mir das Objektiv vor einigen Wochen zur Verfügung gestellt hat, für das Vertrauen und die erfolgreiche Zusammenarbeit bedanken.
Obwohl eine Brennweite von 75 mm seit vielen Jahrzehnten als ideale Portraitbrennweite eingestuft wird, habe ich dessen Einsatzgebiet etwas verändert und die Linse für den Gebrauch in der urbanen Straßenfotografie zweckentfremdet. Besonders der sehr lichtstarke Blendenbereich von f/1,8 und ein Bildwinkel von 32,9° haben mich neugierig gemacht, da sich diese Eigenschaften besonders dann anbieten wenn eine wirkungsvolle Bildtiefe in einem Bildwinkel erzeugt werden soll, der eher dem natürlichen Blickfeld entspricht und dadurch schnell an Spannung verlieren kann.

Mit einem Gewicht von gerade mal 230g und einer Höhe von nur 69mm kommt dieses Leichtgewicht in einem schwarzen Hardcase daher, das sich perfekt zur schmutzfreien und sicheren Aufbewahrung dieses Objektivs eignet.
Gleich beim ersten Einsatz zeigt sich, dass die kleine aber feine Linse mehr kann als ihre geringe Erscheinung vermuten lässt. Mit einem morgendlichen Schuss in der berliner Innenstadt möchte ich wissen wie es um die Schärfe und die Detailabbildungen steht und was ich aus dem Baby herausholen kann. Besonders im offenblendigen Bereich kann es schnell zu unschönen chromatischen Aberrationen kommen, die mit Sicherheit auch bei diesem Objektiv auftauchen werden.
Um dem Foto etwas Tiefe zu verleihen bevorzuge ich bei Motiven wie der berliner Siegessäule eine offene Blende zwischen f/1,8 und f/4,0, sodass ich für diesen Test die Blende so weit es geht öffne um die Objektiveigenschaften so gut wie möglich heraus zu kitzeln.

Die Bildschärfe
Das erste Ergebnis überrascht trotz Freihandaufnahme. Der Autofokus sitzt! Und zwar dort wo er sitzen soll. Die Säule im Hintergrund erscheint selbst bei Ansicht der Originalgröße klar, scharf und sauber, während die davor liegende Straße durch das immer weicher werdende Bokeh des SAMYANG AF 75mm F1.8 langsam nach unten hin ausläuft.


Chromatische Aberrationen
Um bekannte Abbildungsfehler wie chromatische Aberrationen auszutesten fahre ich weiter in Richtung Sonnenaufgangsspot. Aberrationen entstehen besonders beim offenblendigen Fotografieren im Gegenlicht, weil das Licht unterschiedlicher Wellenlängen und Farben verschieden stark gebrochen wird. Sie zeigen sich in den meisten Fällen als farbige Ränder um die aufgenommenen Motivkanten.

Direkt hinter dem Brandenburger Tor wird die Sonne aufgehen. Ideale Bedingungen für eine Aufnahme im Gegenlicht, für die ich die Blende wieder auf f/1,8 öffne. Kurze Zeit später ist der Schuss im Kasten und wie erwartet lassen sich leichte chromatische Aberrationen um die Motive, besonders in der Bildmitte, sehen. Dieser Abbildungsfehler kommt jedoch nicht sonderlich überraschend, da er in diesen Lichtsituationen bei einer Vielzahl von Objektiven auftreten kann. Nichts was sich nicht durch eine Korrektur in Nachbearbeitungsprogrammen wie Lightroom nicht ausbessern ließe!

Das Bokeh
Kommen wir zum Bokeh, einer wichtigen Eigenschaft bei der Auswahl eines brauchbaren Objektivs. Das aus dem japanischen stammende Wort Bokeh bedeutet frei übersetzt soviel wie Dunst oder Demenz und bezeichnet die Qualität des Unschärfebereichs eines Objektivs.  Unschärfe ist nicht gleich Unschärfe denn Objektive können auf vollkommen unterschiedliche Weise Bereiche unscharf abbilden.
Eine Statue auf der anderen Seite eines kleinen Tümpels mitten im Tiergarten eignet sich hervorragend um die Weichheit des Hintergrunds zu testen wenn sich das Hauptmotiv etwas weiter weg von der Kamera befindet.
Blende auf f/1,8 gestellt und ab geht der Peter. Das kleine Objektiv meistert diese Übung mit Bravour. Die Statue hebt sich trotz der Entfernung von mindestens 15 Metern klar, scharf und sauber vom leicht unscharfen Hintergrund ab, sodass ein wunderschöner Freistellungseffekt erzeugt wird.

Trotz schwieriger Gegenlichtsituation und einer Belichtungszeit von knappen drei Minuten mit einem Graufilter zeigen sich in diesem Foto so gut wie keine chromatischen Aberrationen.
Nicht nur große Motive eignen sich für dieses Objektiv. Mit dem Fotografieren kleiner Pflanzen am Wegesrand lässt es mich fast in den Makrobereich eintauchen. Auch hier wirkt das Bokeh erstaunlich sauber und weich, sodass sich kleine Fotomotive wunderbar freistellen lassen!
Betrachte ich das unterschiedliche Bokeh in den bereits geschossen Fotos bin ich positiv überrascht über diese Objektiveigenschaft, die sich mit dem SAMYANG AF 75mm F1.8 perfekt anwenden lässt.

Fazit
Da ich dieses überraschend überzeugende Objektiv bis jetzt nur einen Tag ausgiebig testen konnte, habe ich mich besonders auf die Eigenschaften beim offenblendigen Fotografieren, die allgemeine Bild- und Detailschärfe und das Bokeh konzentriert. Auf einer in ein paar Wochen geplanten Exkursion bei Nacht werde ich die Linse beim Fotografieren des Sternenhimmels auf Herz und Nieren testen.

© Samyang / Foto Walser

Neben seiner Fähigkeiten bei Nacht steht ebenfalls noch der Einsatz mit einer neuen Funktion an Samyang Objektiven auf dem Plan. Erstmalig wurde ein programmierbarer „Custom Switch“ am Objektiv verbaut, der das komfortable Schalten zwischen zwei Einstellungen, die im Lens Manager selbst belegt werden können, ermöglicht. Dadurch lassen sich derzeit die Modi „manuelle Blende“, „automatische Blende“ und „manueller Fokus“ frei auf die beiden Schalterpositionen verteilen, wobei der Hersteller verspricht diese Funktionen stetig weiterzuentwickeln um ein komfortableres und schnelleres Fotografieren zu ermöglichen.

Obwohl die chromatischen Aberrationen in der ersten Gegenlichtaufnahme hervorstechen und nicht wegzudiskutieren sind ist das SAMYANG AF 75mm F1.8 FE mit seinen 399,00 € seinen Preis durchaus wert! Bildschärfe, Abbildungsleistung, Bokeh und ein schneller, geräuscharmer Autofokus überzeugen beim Fotografieren, sodass ich dieses kleine Baby mit Sicherheit auf die eine oder andere kommende Fototour entführen werde. Neben der Portraitfotografie eignet sich dieses Objektiv ohne Zweifel für das Fotografieren urbaner Stadtlandschaften genauso wie für die Streetfotografie in denen es besonders auf eine überzeugende Bildtiefe gepaart mit gekonnter Schnelligkeit ankommt um die zu fotografierende Szene dem späteren Betrachter so authentisch wie möglich näher zu bringen!
Weitere Informationen zu diesem Objektiv finden Sie auf der Webseite von Foto Walser.

Fotos geschossen mit dem SAMYANG AF 75mm F1.8 FE: